Grafsturm, Wilhelm

Biographia Cisterciensis – Dictionary of Cistercian Biography online

Wilhelm Grafsturm

Wilhelm Grafsturm

Abt des Klosters Gotteszell 1716–1760

* 1681 Deggendorf
† 22. März 1760 Gotteszell

Wilhelm II. Grafsturm (irrtümliche Lesung: Graf Sturm), Taufname Stefan, war ein Sohn des Deggendorfer Bürgers und Schulhalters Johann Grafsturm(b). In die kleinste bayerische Zisterze Gotteszell eingetreten, studierte er möglicherweise in Prag und feierte am 11. November 1705 seine Primiz. Noch im selben Monat zum Prior berufen, wurde er als solcher am 28. Juni 1716 unter dem Vorsitz des Abtes Theobald Grad von Aldersbach zum Abt gewählt und am folgenden Tag feierlich investiert. Wahlassistenten waren die Äbte Abundus von Pugnetti von Fürstenzell und Malachias Lehner von Walderbach.

Abt Wilhelm führte ein mildes Regiment, war aber streng auf die Klosterdisziplin bedacht. So entließ er 1719 die weiblichen Dienstboten aus der Klosterküche und stellte dafür einen Koch ein. Beträchtliche Mittel nahm er zum Ausbau und zur Verschönerung der Klosteranlage auf. 1729 ließ er zum 100jährigen Jubiläum des beim Klosterbrand von 1629 unversehrten hölzernen Gnadenbildes der Anna Selbdritt Kloster und Kirche neu ausstatten und auf dem Berghang an der Westseite des Klosters einen Kalvarienberg anlegen, der zu einer Kapelle mit sog. heiliger Stiege führte. Über diese Jubiläumsfeierlichkeit wurde vom Kloster eine gedruckte, der bayerischen Kurfürstin Maria Amalia gewidmete Festschrift herausgegeben, die über die Feierlichkeiten informiert. Die mittelalterliche Klosterkirche erfuhr eine barocke (nur rudimentär erhaltene) Ausgestaltung durch die Brüder Asam. Cosmas Damian Asam malte an die Ostwand die Himmelfahrt Mariens. Im Jubiläumsjahr 1729 wurde auch die St.-Anna-Bruderschaft gegründet, die bis zur Aufhebung des Klosters 1803 insgesamt mehr als 12000 Mitglieder zählte. Zur Erhöhung der Feierlichkeiten erwirkte Abt Wilhelm auch päpstliche Ablässe, wofür er zweimal Religiosen seines Klosters nach Rom schickte, die von dort verschiedene Reliquien mitbrachten. Den Festgottesdiensten der Jubiläumsoktav standen außer Abt Wilhelm mehrere Prälaten der umliegenden Klöster vor, täglich hielten Klosterreligiosen der pontifizierenden Äbte Festpredigten.

Erwähnenswert ist auch das von Abt Wilhelm aufgerichtete Studium nebst Seminar, reichend von der ersten Schulklasse (rudimenta) bis zur Theologie. Die für die Jubiläumsfeierlichkeiten aufgewendeten hohen Kosten wurden durch mehrere dem Kloster durch den Tod einiger Konventmitglieder zufgefallenden Erbschaften gemindert. Auch führte die durch die pomphaften Feierlichkeiten auf Gotteszell gelenkte Aufmerksamkeit in der Folge zu einigen Neueintritten.

Große Belastungen brachte Gotteszell, wie allen bayerischen Klöstern, der Österreichische Erbfolgekrieg 1742–1745 durch die hohe Steuer- und Quartierslast und die von den durchziehenden Truppen erpressten Kontributionen. Beim großen Brand von Deggendorf 1742 gingen mit dem niedergebrannten Haus des Klosters auch die dorthin in Sicherheit gebrachten Wertsachen verloren. Als die niederbayerischen Landstände auf den 30. September 1743 zur feierlichen Huldigung der neuen Landesherrin Maria Theresia von Österreich nach Straubing gerufen wurden, hielt Abt Wilhelm als Vertreter des Prälatenstandes die Huldigungsrede. 1752 erhielt Gotteszell zur Tilgung der Kriegsschulden von der Abtei Ebrach ein größeres Darlehen; ein 1754 an den Kurfürsten gerichtetes Gesuch um Beihilfe durch einen „Fassgroschen“ (eine Sonderauflage auf Bier) bei den kurfürstlichen Brauhäusern im bayerischen Wald blieb jedoch erfolglos.

Die letzten Lebensjahre Abt Wilhelms verliefen ruhig. 1755 feierte er sein goldenes Priesterjubiläum, nachdem er vorher schon sein goldenes Professjubiläum gefeiert hatte. Am 22. März 1760 starb er nach knapp 44-jähriger Regierung. Ein Epitaph mit rühmender Inschrift befindet sich in der Klosterkirche.

Wilhelm Grafsturm hatte auch die von seinem Vorgänger Bonifatius Hiltprant besorgte deutsche Übersetzung der Ordensannalen des spanischen Zisterziensers Angelus Manrique in Druck gegeben (Regensburg, 1739 und 1740). Zu seinem Nachfolger wurde am 28. April 1760 Joseph Michl gewählt.

gge, Sep./Dez. 2019


Daten:

Prim.: 11. Nov. 1705; Abbas: el. 28. Juni 1716.

Werke:

Puechholzer, Ca. Io.; Grafsturm, Wilhelm: Saeculum Nostrum In Illuminatione vultûs tui. Psal. 89. v. 8. Enth. außerdem: Das Durch die wüttende Flammen verhörgt- und zerstörte Aber Durch die … Gnaden der Heiligen Groß-Mutter Annae Widerumb … erfrischte … Closter Gotteszell. Straubing: Rädlmayr, 1730 (Digitalisat).

Literatur:

Lindner, Pirmin: Monasticon metropolis Salzburgensis antiquae : Verzeichnisse aller Aebte und Pröpste der Klöster der alten Kirchenprovinz Salzburg. Salzburg : Pustet, 1908 · Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Band 7. Kröner, 1965, S. 242 · Eberl, Anton: Geschichte des ehemaligen Zisterzienserklosters Gotteszell im Bayerischen Wald. Deggendorf: Nothhaft, 1935; erweiterte Neuauflage 2019, bes. S. 74–86.

Zitierempfehlung: Grafsturm, Wilhelm, in: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography), Version vom 4.12.2019, URL: http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Grafsturm,_Wilhelm