Lebersorg, Wolfgang

Biographia Cisterciensis – Dictionary of Cistercian Biography online

Wolfgang Lebersorg

Wolfgang Lebersorg

Chronist des Zisterzienserstiftes Stams

* 1570/71 (errechnet) Innsbruck
† 2. Okt. 1646

Der bedeutende Chronist und Gelehrte P. Wolfgang Lebersorg entstammte einer oberösterreichischen Familie, die sich in Innsbruck seit 1539 nachweisen lässt.[1] 1555 erwarb der Großvater des künftigen Mönches das Bürgerrecht, und dessen Sohn Bartholomäus, der Vater Lebersorgs, wurde schon in Innsbruck geboren. Dieser wiederum ehelichte vor 1570 Magdalena Schrader, die ihm neben Wolfgang noch zwei Kinder, die Tochter Anna und den jüngsten Sohn Christoph gebar. Da in Innsbruck noch keine Taufmatrikeln geführt wurden, ist für alle drei Kinder kein Geburts- oder Taufdatum bezeugt, auch Lebersorg selber macht später keine näheren Angaben zu seinem Geburtstag oder -jahr. Der Tradition des Klosters Stams nach verschied er als Konventsenior im Alter von 75 oder 76 Jahren. Von hier aus ist sein Geburtsjahr rekonstruierbar. Wenn man dann noch hinzu nimmt, dass es nach kanonischer Vorschrift notwendig war, für die Priesterweihe das 24. Lebensjahr vollendet zu haben, ergäbe das für Lebersorg ein Geburtsdatum um die Jahre 1570 oder 1571. Über die Ausbildung und schulische ‚Karriere‘ der drei Lebersorg-Sprösslinge ist nichts aufgezeichnet, auch sonst fließen Nachrichten recht spärlich. Seine unverheiratet gebliebene Schwester Anna starb 1607 in Prag. Der Bruder Christoph heiratete und ließ sich im elterlichen Haus in Innsbruck nieder.[2] Einer der Söhne des Bruders ist später als Klosterkoch und -metzger zu Stams bezeugt.[2]

Das Noviziat in Stams begann für Lebersorg am 23. März 1590, nach dem er wohl die erst kurz zuvor von Ferdinand II. in Innsbruck gestiftete Lateinschule[3] besucht hatte; sichere Nachricht vor der Zeit in Stams haben wir aus Lebersorgs Leben aber nicht. Mit der Profess im Jahr 1591 folgten auch die niederen Weihen (29. September 1591) und genau vier Jahre darauf erteilte Fürstbischof Petrus Raschèr von Chur (1581−1601) dem Mönch in der Kapelle seines Schlosses Fürstenberg (bei Burgeis im Vinschgau) die Priesterweihe. Er hatte ihn schon im Mai 1593 in der Stamser Stiftskirche − anlässlich der Benediktion des neuen Stamser Abtes Nikolaus Bachmann[4] und des ebenfalls neu erwählten Wiltener Propstes Johannes Sauerwein − zum Diakon ordiniert.

Unbeantwortet bleiben muss die Frage, welche theologische Ausbildung zwischen Profess und Weihe für Lebersorg möglich war. An den traditionellen Stamser Studienorten (v. a. Dillingen und Augsburg) lässt er sich nicht nachweisen. Vermutlich war das Hausstudium gewählt worden, weil die einstigen süddeutschen Ausbildungsstätten dem Abt und den Mitbrüdern doch der ‚lutherischen Häresie‘ verfallen zu sein schienen. Lebersorg erwarb sich jedoch in diesen Jahren ein umfängliches Wissen, nicht allein historischer Art, so dass seine Oberen ihn für viele verantwortungsvolle Aufgaben heranzogen: Er war Novizenmeister, nach 1615 Kustos (damit verwaltete er einen Teil der wirtschaftlichen Angelegenheiten des Klosters, war also ein ‚Unterpfisterer‘ − in Stams wurde der Zellerar ‚Pfister‘ oder ‚Pfistermeister‘ genannt). Ihm wurde ebenso die Sorge um die Sakristei, die Kirche und ihre Angelegenheiten und auch die Verwaltung des Armarium (der Bücher- und Urkundensammlung) anvertraut.[5]

Um 1616 ernannte ihn Abt Thomas Lugga[6] zum Subprior, wohl zum selben Zeitpunkt als der nachmalige Abt Paulus Gay[7] sein Priorat antrat. In diesen Jahren sollte er auch seine Hauptaufgabe finden, aber wann genau Lebersorg mit der Bibliothek und Archivführung betraut wurde, kann nicht gesagt werden, es dürfte aber zwischen 1610 und 1612 geschehen sein. Bis zum 9. März 1644 – an diesem Tag übernahm sein jüngerer Mitbruder P. Martin Stöger[8] Bibliothek und Archiv – sollte Lebersorg unermüdlich tätig sein, um die immer noch spürbaren Schäden zu beheben, die nach den Plünderungen von 1525 durch marodierende Bauernhorden und dem brutalen Überfall durch die Schmalkaldischen Truppen des Moritz von Sachsen im Mai 1552 entstanden waren. Da auch die Bibliothek und besonders das Archiv in Mitleidenschaft gezogen waren, mußte Lebersorg damit beginnen, mittels Reorganisation eine neue, dauerhafte Ordnung in beiden Bereichen herzustellen, und bis auf den heutigen Tag „begegnen uns ständig Zeugnisse seines Wirkens. Sein Fleiß und seine Schaffenskraft ließen ihn die Bestände ordnen, signieren und verzeichnen. Er legte Abschriften, Regesten, Aufstellungen, Güterverzeichnisse ect. In großer Zahl an, wobei nicht nur der Umfang seiner Werke, sondern auch deren Übersichtlichkeit beeindruckt“[9].

Als Lebersorg dann seine Ämter aus den Händen gab, war ihm nur noch eine kurze Zeit beschieden: 1645 feierte er noch den 50. Jahrestag seiner Weihe, über die sein Prior, P. Benedikt Stephani[10] in einem Brief vom 18. Januar 1655 berichtet. Der körperliche Verfall – marasmus senilis, Altersschwäche, diagnostiziert P. Benedikt in einem Brief dem Innsbrucker Arzt Weilheim – zwang Lebersorg mehr und mehr auf seine Tätigkeit in Archiv und Bibliothek zu verzichten. Im September 1646 war er nicht mehr imstande, das Bett zu verlassen: er war, so Stephani, „ridiculus phantasiis et deliriis occupatus ac nesciens, qua hora filius hominis sit venturus“.[11] In den Morgenstunden des 2. Oktobers 1664 gab P. Wolfgang Lebersorg als Konventsenior seine Seele dem Schöpfer zurück. Beigesetzt wurde er nicht wie alle anderen Mönche auf dem um die Apsiden der Kirche gelegenen Friedhof, sondern auf Anordnung des Abtes Bernhard II. Gemelich[12] vor dem Altar des Evangelisten Johannes in der Stiftskirche.

Die Bedeutung Lebersorgs liegt zuerst einmal in seiner langjährigen Arbeit als Archivar und Bibliothekar der Stamser Zisterze. Ohne sein Chronicon Stamsense usque ad annum 1601 (Codex D 40, Stiftsarchiv Stams) wären das mittelalterliche Aussehen des Klosterkomplexes und vor allem die Inneneinrichtung der Stiftskirche nicht mehr bekannt. Er war neben allem schriftstellerischen Können auch als Illustrator begabt genug, so dass seine Zeichnungen ein gutes Bild ergeben, wie die zwischen 1650 und 1750 barockisierte Klosterkirche in Stams davor aussah. Neben Darstellungen der Altäre und anderen Kunstwerken, der für das Kloster bedeutsamen Gruft der Landesfürsten Tirols, war es dem Chronisten auch wert etwa den Fliesenboden zu abzubilden oder das Aussehen der Holzdecke in einem Aquarell zu überliefern. Alle Gebäulichkeiten, die zu seiner Zeit noch das mittelalterliche Gepräge hatten, überlieferte er in seinen Zeichnungen. Dazu finden sich Nachzeichnungen von Siegeln und Wappenschilden in großer Zahl in seinem Chronicon.[13]

Den Hauptteil der Quellen machen naturgemäß die in Stams vorhandenen Handschriften und Urkunden aus, die durch vielerlei einst im Archiv und Bibliothek vorhanden Gewesenes, ihre Ergänzung erfahren. Dass er daneben hunderte von Diplomen aus der Geschichte von Stams kopierte und kommentierte, und damit der Nachwelt einen riesigen Fundus an historischen Belegen tradierte, braucht nicht eigens erwähnt zu werden.

In seiner Klostergeschichte gibt Lebersorg auch Einblick, wie er zu arbeiten gewohnt war. Er nennt seine Quellen so genau, dass es leicht nachvollziehbar ist, woher seine Fülle der Information stammt. Neben den im Archiv befindlichen, rein auf die Abtei bezogenen Unterlagen zieht er auch frühe Druckwerke heran.[14] Bachmann zeigt in einer konkordanten Gegenüberstellung, wie Lebersorg vor allem die Annalen des Bzowski nutzte.[15] Immer noch in Frage steht, wo er dieses Werk kennenlernte und exzerpierte, da es im Stamser Bibliothekskatalog für diese Zeit nicht vermerkt ist. Von daher allein gehört diese Stamser Stiftschronik zu den wertvollsten Quellen der Tirolischen Landesgeschichte, gerade weil sie vieles, das verloren ist, exakt und verlässlich tradiert. Auch bewahrte er eine kritische Distanz zu den Quellen und Darstellungen, die er benutzte, „deutliche Ansätze gesunder Analyse und Quellenkritik“[16] zeichnen das umfangreiche Werk ebenso aus, wie der Wille des Autors „nur Wahres zu berichten“[17].

Lebersorg war aber, und das darf trotz aller wissenschaftlicher Leistung des frommen Mönches nicht übersehen werden, zuerst und vor allem Zisterzienser: Klösterlicher Wandel und Umkehr zum Herrn sind die Grundlagen seines Lebens, die persönlichen Kraftquellen, die das große Werk erst ermöglichten. Neben seiner wissenschaftlichen Leistung, die für ein Menschenleben erstaunlich ist und von höchstem Fleiß zeugt, galt Lebersorg auch als Priester seinen Zeitgenossen als Vorbild: etwa diente er ein ganzes Priesterleben lang als Beichtvater seinen Mitbrüdern. Seine umfangreichen Aufzeichnungen und Sammlungen sind heute in Bibliothek und Archiv des Zisterzienserstiftes in Stams verwahrt, wo sie − mit Ausnahme der 2000 mustergültig edierten Chronik − der Bearbeitung harren.

Wolfgang G. Schöpf, Juni 2014

  1. Vgl. K. Schadelbauer/M. Fritz: Die Innsbrucker Inwohneraufnahmen von 1508 bis 1567 (Veröffentlichungen aus dem Innsbrucker Stadtarchiv). Innsbruck 1964, S. 17.
  2. 2,0 2,1 O. Baumann: P. Wolfgang Lebersorg. Der Chronist von Stams. Ein Gedenkblatt [Sonderabdruck aus der CistC 47 (1935)]. Bregenz 1935, S. 9.
  3. Vgl. J. Egger: Geschichte Tirols von den ältesten Zeiten bis in die Neuzeit. Innsbruck 1876, S. 241.
  4. *?; Profeß vor 1567, Abtwahl 30. August 1590 / 22. Abt von Stams; † 2. März 1601 (vgl. Album Stamsensis seu Catalogus religiosorum sacri et exempti Ordinis Cisterciensis archiducalis Monasterii B. V. Mariae et S. Joann. Bapt. in Stams. 1272−1898 [ed. P. Lindner]. Salzburg 1898, Nr. 373).
  5. Vgl. Baumann, Lebersorg, S. 13.
  6. *?, Innsbruck, Pfarrer in Mais 1590−1615, Abtwahl 29. Juni 1615 / 24. Abt von Stams; † 16. Mai 1631 (vgl. Album Stamsensis Nr. 463).
  7. * 27. Juni 1587, Innsbruck; Prior: 11. November 1616?, Abtwahl: 9. Juni 1631 / 25. Abt von Stams, † 25. Mai 1638, Stams (vgl. Album Stamsensis Nr. 418).
  8. Auch: Steger; * 30. September 1592, Innsbruck; † Senior 19. Dezember 1677, Stams (vgl. Album Stamsensis Nr. 430).
  9. Pater Wolfgang Lebersorgs Chronik des Klosters Stams. Stiftsarchiv Stams, Codex D 40. Edition und Übersetzung von Ch. Haidacher (Tiroler Geschichtsquellen 42). Innsbruck 2000, XI.
  10. * 4. Dez. 1613, Innsbruck; Profess 3. Aug. 1634, Studium in Ingolstadt, Priesterweihe 22. Sept. 1640, Augsburg; Prior: 9. März 1644 bis † 24. Dez. 1672 (vgl. Album Stamsense Nr. 448).
  11. P. Stephani an Dr. Weilheim, Brief 1 September 1664 (zit. nach Baumann, Lebersorg, S. 16).
  12. Taufname Tobias; * 11. April 1600, Innsbruck; Abtwahl 11. August 1638, 26. Abt von Stams, Generalvikar der Oberdeutschen Zisterzienserkongregation, Hofrat und Vorsitzender der Innsbrucker Kammer, Erbauer des Neuen Konvents; † 10. Juli 1660, Innsbruck (vgl. Album Stamsensis Nr. 439)
  13. Vgl. Abbildungen im Anhang zu Pater Wolfgang Lebersorgs Chronik.
  14. Ausführlich nutzte er das sehr geschätzte Annalenwerk des Dominikaners Abraham Bzowski (vgl. Annales ecclesiastici Authore Abrahamo Bozovio. Rom/Köln 1616–1672), sowie die die Annalen des Gerard von Roo (vgl. Annales rerum belli domique domus Austriacis Habspurgicae gentis principibus [...] gestarum. Innsbruck 1592). Daneben zog er Werke von Wigileus Hund (vgl. Metropolis Salisburgensis. Ingolstadt 1582, München 1620) und Andreas Brunner (Annales rerum boiorum. Augsburg 1637) zur Arbeit an der Chronik heran.
  15. Baumann, Lebersorg, S. 46−60.
  16. Baumann, Lebersorg, S. 95.
  17. Baumann, Lebersorg, S. 95.

Daten:

Vest.: 23. März 1590; Prof.: 23. März 1591; Sac.: 29. Sep. 1595 (Fürstenburg).

Werke:

Chronicon Stamsense usque ad annum 1601 · Extractus oder kurze Verzaichnus der Originalen und Reversen, auch andere brieflicher Gerechtikaiten des Gottshaus Stambs guetter, so in dem Ambt Mays begriffen. Stiftarchiv Stams, Cod. 283.

Weitere Sammelbände:

Stiftarchiv Stams, Cod. 287. Cod. B (506 folii) · Folgt die Verzaichnus des Gottsaus Stambs guetter so vil aus desselben Coppey büechern hat mügen erkhannt werden. Stiftarchiv Stams, Cod. 285.

Literatur:

O. Baumann: P. Wolfgang Lebersorg und seine Chronik von Stams. Diss. masch, Innsbruck 1923 · Ders.: P. Wolfgang Lebersorg, der Chronist von Stams. Ein Gedenkblatt (Sonderabdruck aus der CistC 47 [1935]). Bregenz 1935 · J. Riedmann: Zur Chronologie der Gründung von Stams, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 52 (1972) 223–233 · W. Köfler: Der Stamser Chronist P. Wolfgang Lebersorg, in: Das Fenster 12 (1973) 1116–1121 · S. Sepp: Neuzeitliche Quellen zur Stamser Bibliotheksgeschichte. In: Innsbrucker historische Studien 6 (1983) 81–127 · M. Pizzinini: Stams als Stätte europäischer Diplomatie, in: Tiroler Heimatblätter 72 (1997) 70–77 · Pater Wolfgang Lebersorgs Chronik des Klosters Stams (Stiftsarchiv Stams, Codex D 40). Ed. u. Übers. von Ch. Haidacher (Tiroler Geschichtsquellen 42). Innsbruck 2000 · C. Fischnaler: Innsbrucker Chronik. Mit Bildschmuck nach alten Originalen und Rekonstrukions-Zeichnungen, sowie dem Gesamtregister. 4 Bde., Innsbruck 1929–1930, hier 3. Wirtschafts- und Literatur-Chronik. 20.

Normdaten:

GND: 129991708 · BEACON-Findbuch

Zitierempfehlung: Lebersorg, Wolfgang, in: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography), Version vom 26.11.2014, URL: http://www.biocist.org/wiki/Lebersorg,_Wolfgang