Wöhrer, Justinus

Biographia Cisterciensis – Dictionary of Cistercian Biography online

Justin Wöhrer
Foto: Stiftsarchiv Wilhering

Justin Wöhrer OCist

Prior von Wilhering, Gründer der Wilheringer Bolivienmission (1928), Titularabt von Säusenstein

* 04. März 1872 Traberg, Mühlviertel, Oberösterreich
† 18. Dez. 1943 Apolo, Bolivien

Justinus Wöhrer, Taufname Josef[1], wurde 1872 in Kleintraberg in der Wilheringer Stiftspfarre Traberg geboren. Seine Eltern betrieben dort eine kleine Landwirtschaft und eine Handweberei. Nach der Matura trat er am 20. August 1891 in das Zisterzienserstift Wilhering ein, legte am 30. August 1895 die feierliche Profess ab und studierte Theologie im Chorherrenstift St. Florian. Am 26. Juli 1969 zum Priester geweiht, nahm er im Herbst 1896 ein Studium der klassischen Philologie an der Universität Wien auf, die ihn im Juli 1899 zum Doktor der Philosophie promovierte.[2] Im folgenden Jahr erhielt er ein Stipendium der k.k. Akademie der Wissenschaften in Rom und begann 1901 mit seiner Unterrichtstätigkeit am Stiftsgymnasium Wilhering (Latein, Griechisch, Englisch, Französisch). Seit dem Sommer 1904 war er außerdem Sekretär des Generalvikars Theobald Grasböck, den er in dieser Funktion auf dessen Visitationsreisen begleitete. Von Abt Theobald noch vier Tage vor seinem Tod im September 1915 zum Prior ernannt, übernahm er im folgenden Jahr auch die Leitung des Stiftsgymnasiums, das unter seiner Leitung erstmals eine Maturaklasse führte (Matura 1922). 1917 wurde er mit dem Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens ausgezeichnet.

Einem Aufruf Papst Pius XI. an die alten Orden folgend, beschloss das Generalkapitel 1925 in Rom, an dem Wöhrer als Delegat der Abtei Wilhering teilnahm, die Gründung von Missionsklöstern. Wie Alois Wiesinger von Schlierbach ließ sich auch Prior Wöhrer von der Missionsbegeisterung anstecken, zu der auch der an das Generalkapitel anschließende Besuch der groß angelegten Missionsausstellung im Vatikan beitrug. Nachdem ein erstes gemeinsames Missionsprojekt in Paraguay nicht zustande gekommen war, folgte der schon 56-jährige P. Justinus 1928 einem Aufruf des Bischofs von La Paz, August Sieffert, zur Niederlassung von Zisterziensern in Bolivien, gab seine Stellung in Wilhering auf und meldete sich in die Mission. Nachdem er Spanisch und Reiten gelernt hatte, reiste er am 19. August 1928 nach Bolivien und baute in Apolo die Indianermission Caupolicán auf (was eigentlich der Intention Papst Pius XI. zuwiderlief, der kontemplative Klöster ohne Außenstationen gewollt hatte). Er kümmerte sich um die größtenteils vernachlässigten und verwahrlosten Indios und lernte die Sprache Ketchua, in der er Religionsunterricht erteilte und religiöse Unterweisungen schrieb. 1930 folgten ihm die beiden Laienbrüder Leonhard († 1977) und Egbert († 1985) Koblmüller und vier Zisterzienserinnen aus Thyrnau und Waldsassen, die die Hauswirtschaft und die Krankenpflege in den umliegenden Dörfern übernahmen. In den folgenden Jahren kamen noch weitere Zisterzienser nach, jedoch nie genug, um die Niederlassung auch nach Wöhrers Tod am Leben zu erhalten.

1934 wurde Wöhrer zum Titularabt von Säusenstein, einer zur Zeit des Josephinismus aufgehobenen Tochtergründung Wilherings, ernannt. 1936 feierte er in seiner Heimatpfarrei Traberg sein 40-jähriges Priesterjubiläum und warb für sein Missionsprojekt. Wieder nach Bolivien zurückgekehrt, musste er die Beschlagnahme des Stiftes Wilhering durch die Gestapo 1940, die Verhaftung einiger Patres (u.a. Sylvester Birngruber) und den Hungertod des Abtes Bernhard Burgstaller 1941 aus der Ferne miterleben. Am 29. Dezember 1942 von einem Missionsritt nach Apolo zurückgekehrt, brach er beim Absteigen vom Pferd zusammen. Er war danach zu weiteren Missionsreisen nicht mehr in der Lage, magerte zusehends ab und hatte Schmerzen am ganzen Körper. Im Juli 1943 erlitt er einen leichten Schlaganfall und starb am 18. Dezember 1943. Am nächsten Tag wurde er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung im Vorhof der Kirche begraben.

Hatte das Männerkloster in Apolo auch keinen Bestand, lebt Justinus Wöhrers Lebenswerk doch in der Zisterzienserinnenabtei Nazareth in Apolo mit dem Colegio Ave Maria in La Paz weiter. 2013 wurde an der Fassade der Pfarrkirche Traberg eine Gedenktafel für Justinus Wöhrer angebracht.

gge, April 2017

  1. Der hl. Josef ist der Pfarrpatron von Traberg.
  2. Zugunsten eines jüdischen Kommilitonen hatte er auf eine Promotion sub auspiciis imperatoris (eine hohe Ehre) verzichtet.

Daten:

Vest.: 20. Aug. 1891; Prof.: sol. 30. Aug. 1895; Sac.: 26. Juli 1896; Abbas tit.: 10. Feb. 1934.

Auszeichnungen:

Ritterkreuz des Franz-Josef-Ordens (1917).

Werke:

Studien zu Marius Victorinus. Wilhering : Verlag des Privat-Gymnasiums, 1905 · (Hg.) Griechische Studien. Untersuchungen zu der Geschichte und der Geschichtschreibung Griechenlands mit besonderer Berücksichtigung des vierten Jahrhunderts v. Chr. Von Dr. P. Otto Grillnberger. Wilhering, 1907 · (Hg.) Candidi Arriani ad Marium Victorinum rhetorem de generatione divina, et Marii Victorini rhetoris urbis Romae ad Candidum Arrianum. Wilhering, 1910.

Literatur:

Antezana y Royas, Abel Isidoro: Missionsabt Dr. Justinus Woehrer : Nachruf, in Cistercienser Chronik 54 (1947), S. 346–348 · Dessl, Reinhold: Justin Wöhrer (1872–1943): Missionarischer Eifer im Zisterzienserorden, in: Alberich Martin Altermatt (Hg.): Zisterzienserinnen und Zisterzienser: Lebensbilder aus dem Zisterzienserorden. Freiburg, Schweiz: Kanisius, 1998, S. 155–164 · Kaiser, Gotthard: Erinnerungen an den Missionsabt Dr. Justin Wöhrer S. O. Cist. (1872 bis 1943). In: Jahresbericht. Stiftsgymnasium Wilhering. 1968, S. 3–29 · Lichtenwagner, Markus H.: Die Missionstätigkeit der Zisterzienser von Wilhering in Bolivien. Diplomarbeit Kathol.-theol. Hochschule Linz 1984. VI, 89 S. [maschinschr.] · Jahresbericht Stiftsgymnasium Wilhering 1984/85 (1985) S. 5–70.

Normdaten:

GND: 152874623 · BEACON-Findbuch

Zitierempfehlung: Wöhrer, Justinus, in: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography), Version vom 20.4.2017, URL: http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/W%C3%B6hrer,_Justinus