Weinberger, Gabriel: Unterschied zwischen den Versionen

 
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Gabriel Weinberger, Taufname Wilhelm, am 24. September 1930 in Semlin (heute ein Stadtbezirk von Belgrad) als Sohn donauschwäbischer Eltern geboren; zwei Schwestern überlebten ihn. Sein Vater besaß eine Tischlerei und starb, als Weinberger noch ein Kind war. Im November 1944 gelang der Mutter mit ihren drei Kindern in einem Viehtransportwagon die Flucht aus Semlin vor der heranrückenden Front, zunächst nach St. Leonhard am Forst in Niederösterreich, dann nach Schwanenstadt in Oberösterreich. Auf Vermittlung des Diözesanpriesters Josef Werni, den die Familie von Semlin her kannte, kam Wilhelm in das Petrinum, das nach dem Krieg zunächst im Stift [[Wilhering]] untergebracht war.
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Gabriel Weinberger, Taufname Wilhelm, am 24. September 1930 in Semlin (heute ein Stadtbezirk von Belgrad) als Sohn donauschwäbischer Eltern geboren; zwei Schwestern überlebten ihn. Sein Vater besaß eine Tischlerei und starb, als Weinberger noch ein Kind war. Im November 1944 gelang der Mutter mit ihren drei Kindern in einem Viehtransportwagon die Flucht aus Semlin vor der heranrückenden Front, zunächst nach St. Leonhard am Forst in Niederösterreich, dann nach Schwanenstadt in Oberösterreich. Auf Vermittlung des Diözesanpriesters Josef Werni, den die Familie von Semlin her kannte, kam Wilhelm in das Bischöfliche Gymnasium Petrinum, das nach dem Krieg zunächst im Stift [[Wilhering]] untergebracht war.
  
Als das Petrinum nach Linz zurückkehrte, blieb Weinberger in Wilhering und wechselte ins Stiftsgymnasium. Schon vor der Matura begann er am 27. August 1949 das Noviziat und erhielt den Ordensnamen Gabriel. Am 20. August 1953 legte er die feierliche Profess ab und wurde nach dem Theologiestudium in Linz am 29. Juni 1954 im Linzer Mariendom zum Priester geweiht. Von Oktober 1955 bis 1960 absolvierte er das Lehramtsstudium für Mathematik und Physik an der Universität Wien und begann 1960 seine Lehrtätigkeit am Stiftgymnasium, die er als Oberstudienrat bis zu seiner Pensionierung 1990 ausübte. 1961/62 war er als Kooperator excurrens in Gramastetten und Hellmonsödt in der Pfarrseelsorge tätig. Am 23. September 1965 als Nachfolger des zurückgetretenen [[Ratzenböck, Wilhelm|Wilhelm Ratzenböck]] zum Abt gewählt, empfing er am 9. Oktober 1965 von Generalabt [[Kleiner, Sighard|Sighard Kleiner]] die Benediktion.
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Als das Petrinum nach Linz zurückkehrte, blieb Weinberger in Wilhering und wechselte ins Stiftsgymnasium. Schon vor der Matura begann er am 27. August 1949 das Noviziat und erhielt den Ordensnamen Gabriel. Am 20. August 1953 legte er die feierliche Profess ab und wurde nach dem Theologiestudium in Linz am 29. Juni 1954 im Linzer Mariendom zum Priester geweiht. Von Oktober 1955 bis 1960 absolvierte er das Lehramtsstudium für Mathematik und Physik an der Universität Wien und begann 1960 seine Lehrtätigkeit am Stiftgymnasium, die er als Oberstudienrat bis zu seiner Pensionierung 1990 ausübte. 1961/62 war er als Kooperator excurrens in Gramastetten und Hellmonsödt in der Pfarrseelsorge tätig. Am 23. September 1965 als Nachfolger des zurückgetretenen [[Ratzenböck, Wilhelm|Wilhelm Ratzenböck]] mit 25 von 43 Stimmen zum Abt gewählt, empfing er am 9. Oktober 1965 von Generalabt [[Kleiner, Sighard|Sighard Kleiner]] die Benediktion.
  
Der Beginn seiner Amtszeit, mit seiner Resignation am 17. September 1977 endete, fiel in die Endphase des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen neue Sichtweisen er in das Kloster  und den Zisterzienserorden einzubringen versuchte. Als Teilnehmer des Generalkapitels in Rom und Mitglied verschiedener Gremien gab er wesentliche Anstöße zur Überarbeitung der Konstitutionen des Ordens und zur „Erklärung des Generalkapitels über wesentliche Elemente des heutigen Zisterzienserlebens“. Er betonte die Eigenverantwortlichkeit der Ordenschristen und versuchte, das Klosterleben durch zeitgemäße Reformen zu erneuern, jedoch blieben – wie auch in den meisten anderen Klöstern – die Ordensberufungen aus.
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Der Beginn seiner Amtszeit, die mit seiner Resignation am 17. November 1977 endete, fiel in die Endphase des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen neue Sichtweisen er in das Kloster  und den Zisterzienserorden einzubringen versuchte. Als Teilnehmer des Generalkapitels in Rom und Mitglied verschiedener Gremien gab er wesentliche Anstöße zur Überarbeitung der Konstitutionen des Ordens und zur „Erklärung des Generalkapitels über wesentliche Elemente des heutigen Zisterzienserlebens“. Er betonte die Eigenverantwortlichkeit der Ordenschristen und versuchte, das Klosterleben durch zeitgemäße Reformen zu erneuern, jedoch blieben – wie auch in anderen Klöstern – die Ordensberufungen aus.
  
 
Im Stift legte er entscheidende Grundlagen für eine florierende Wirtschaft. Die Stiftsgärtnerei wurde zu einem leistungsstarken Unternehmen ausgebaut, die Landwirtschaft und andere Betriebe des Klosters wurden rationalisiert und modernisiert. Unter der künstlerischen Leitung von Prof. Fritz Fröhlich, der schon 1956 die Langhauswölbung der Stiftskirche [[Engelszell]] freskierte hatte, wurde die Stiftskirche Wilhering in den Siebzigerjahren restauriert. Abt Gabriel war auch Initiator und Förderer der Fritz-Fröhlich-Sammlung und des Sommertheaters im Stift.
 
Im Stift legte er entscheidende Grundlagen für eine florierende Wirtschaft. Die Stiftsgärtnerei wurde zu einem leistungsstarken Unternehmen ausgebaut, die Landwirtschaft und andere Betriebe des Klosters wurden rationalisiert und modernisiert. Unter der künstlerischen Leitung von Prof. Fritz Fröhlich, der schon 1956 die Langhauswölbung der Stiftskirche [[Engelszell]] freskierte hatte, wurde die Stiftskirche Wilhering in den Siebzigerjahren restauriert. Abt Gabriel war auch Initiator und Förderer der Fritz-Fröhlich-Sammlung und des Sommertheaters im Stift.
  
Mit Datum 17. November 1977 resignierte Abt  Gabriel und trat  zurück. Zwar hatte er Anfang  Oktober bei einer Vertrauensabstimmung die absolute Mehrheit erhalten, doch hatte  „eine nicht zu überhörende Minderheit“ seinen Rücktritt gefordert. Unter seinen Nachfolgern [[Nimmervoll, Dominik|Dominik Nimmervoll]] und [[Hemmelmayr, Gottfried|Gottfried Hemmelmayr]] blieb er bis 2007 weiterhin als Wirtschaftsdirektor, von 1986 bis 1991 auch Vermögensverwalter des Stiftes [[Rein]]. Eine schwere Erkrankung in den Jahren 2009 und 2010 brachte einen grundlegenden Einschnitt in sein Leben. Nach Tagen auf der Intensivstation und langen Reha-Aufenthalten im Rollstuhl entlassen, musste er mit der hilfe einem befreundeten Sportmedizinerehepaar mühsam wieder gehen lernen. Seine letzten Lebensjahre lebte er in Linz, blieb aber mit dem Stift in reger Verbindung. Noch als 90-Jähriger gab er, selbst ehemaliger Flüchtling, einem afghanischen Ehepaar, das ihn bis zuletzt betreute, Mathematikunterricht.
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Mit Datum 17. November 1977 resignierte Abt  Gabriel und trat  zurück. Zwar hatte er Anfang  Oktober bei einer Vertrauensabstimmung die absolute Mehrheit erhalten, doch hatte  „eine nicht zu überhörende Minderheit“ seinen Rücktritt gefordert. Unter seinen Nachfolgern [[Nimmervoll, Dominik|Dominik Nimmervoll]] und [[Hemmelmayr, Gottfried|Gottfried Hemmelmayr]] blieb er bis 2007 weiterhin als Wirtschaftsdirektor, von 1986 bis 1991 auch Vermögensverwalter des Stiftes [[Rein]], dessen Abt [[Rappold, Paulus|Paulus Rappold]] wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten abgesetzt worden war. Eine schwere Erkrankung in den Jahren 2009 und 2010 brachte einen grundlegenden Einschnitt in sein Leben. Nach Tagen auf der Intensivstation und langen Reha-Aufenthalten im Rollstuhl entlassen, musste er mit der Hilfe eines befreundeten Sportmedizinerehepaar mühsam wieder gehen lernen. Seine letzten Lebensjahre lebte er in Linz, blieb aber mit dem Stift in reger Verbindung. Noch als 90-Jähriger gab er, selbst ehemaliger Flüchtling, einem afghanischen Ehepaar, das ihn bis zuletzt betreute, Mathematikunterricht.
  
 
Er starb in den Abendstunden des 7. Mai 2021 infolge zunehmender Herz- und Lungenbeschwerden und wurde am 14. Mai – auf eigenen Wunsch hin „wie er als Flüchtlingskind damals nach Wilhering gekommen ist, einfach und arm“ – nicht mehr wie noch sein Vorgänger Wilhelm Ratzenböck 1966 in der Äbtegruft beigesetzt, sondern auf dem Stiftsfriedhof begraben.
 
Er starb in den Abendstunden des 7. Mai 2021 infolge zunehmender Herz- und Lungenbeschwerden und wurde am 14. Mai – auf eigenen Wunsch hin „wie er als Flüchtlingskind damals nach Wilhering gekommen ist, einfach und arm“ – nicht mehr wie noch sein Vorgänger Wilhelm Ratzenböck 1966 in der Äbtegruft beigesetzt, sondern auf dem Stiftsfriedhof begraben.

Aktuelle Version vom 10. Mai 2021, 17:22 Uhr

Gabriel Weinberger
Foto: Stift Wilhering

Gabriel Weinberger OCist

71. Abt des Zisterzienserstiftes Wilhering 1965–1977

* 24. Sep. 1930 Semlin [Zemun, Belgrad, Serbien]
07. Mai 2021 Linz, Oberösterreich

Gabriel Weinberger, Taufname Wilhelm, am 24. September 1930 in Semlin (heute ein Stadtbezirk von Belgrad) als Sohn donauschwäbischer Eltern geboren; zwei Schwestern überlebten ihn. Sein Vater besaß eine Tischlerei und starb, als Weinberger noch ein Kind war. Im November 1944 gelang der Mutter mit ihren drei Kindern in einem Viehtransportwagon die Flucht aus Semlin vor der heranrückenden Front, zunächst nach St. Leonhard am Forst in Niederösterreich, dann nach Schwanenstadt in Oberösterreich. Auf Vermittlung des Diözesanpriesters Josef Werni, den die Familie von Semlin her kannte, kam Wilhelm in das Bischöfliche Gymnasium Petrinum, das nach dem Krieg zunächst im Stift Wilhering untergebracht war.

Als das Petrinum nach Linz zurückkehrte, blieb Weinberger in Wilhering und wechselte ins Stiftsgymnasium. Schon vor der Matura begann er am 27. August 1949 das Noviziat und erhielt den Ordensnamen Gabriel. Am 20. August 1953 legte er die feierliche Profess ab und wurde nach dem Theologiestudium in Linz am 29. Juni 1954 im Linzer Mariendom zum Priester geweiht. Von Oktober 1955 bis 1960 absolvierte er das Lehramtsstudium für Mathematik und Physik an der Universität Wien und begann 1960 seine Lehrtätigkeit am Stiftgymnasium, die er als Oberstudienrat bis zu seiner Pensionierung 1990 ausübte. 1961/62 war er als Kooperator excurrens in Gramastetten und Hellmonsödt in der Pfarrseelsorge tätig. Am 23. September 1965 als Nachfolger des zurückgetretenen Wilhelm Ratzenböck mit 25 von 43 Stimmen zum Abt gewählt, empfing er am 9. Oktober 1965 von Generalabt Sighard Kleiner die Benediktion.

Der Beginn seiner Amtszeit, die mit seiner Resignation am 17. November 1977 endete, fiel in die Endphase des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen neue Sichtweisen er in das Kloster und den Zisterzienserorden einzubringen versuchte. Als Teilnehmer des Generalkapitels in Rom und Mitglied verschiedener Gremien gab er wesentliche Anstöße zur Überarbeitung der Konstitutionen des Ordens und zur „Erklärung des Generalkapitels über wesentliche Elemente des heutigen Zisterzienserlebens“. Er betonte die Eigenverantwortlichkeit der Ordenschristen und versuchte, das Klosterleben durch zeitgemäße Reformen zu erneuern, jedoch blieben – wie auch in anderen Klöstern – die Ordensberufungen aus.

Im Stift legte er entscheidende Grundlagen für eine florierende Wirtschaft. Die Stiftsgärtnerei wurde zu einem leistungsstarken Unternehmen ausgebaut, die Landwirtschaft und andere Betriebe des Klosters wurden rationalisiert und modernisiert. Unter der künstlerischen Leitung von Prof. Fritz Fröhlich, der schon 1956 die Langhauswölbung der Stiftskirche Engelszell freskierte hatte, wurde die Stiftskirche Wilhering in den Siebzigerjahren restauriert. Abt Gabriel war auch Initiator und Förderer der Fritz-Fröhlich-Sammlung und des Sommertheaters im Stift.

Mit Datum 17. November 1977 resignierte Abt Gabriel und trat zurück. Zwar hatte er Anfang Oktober bei einer Vertrauensabstimmung die absolute Mehrheit erhalten, doch hatte „eine nicht zu überhörende Minderheit“ seinen Rücktritt gefordert. Unter seinen Nachfolgern Dominik Nimmervoll und Gottfried Hemmelmayr blieb er bis 2007 weiterhin als Wirtschaftsdirektor, von 1986 bis 1991 auch Vermögensverwalter des Stiftes Rein, dessen Abt Paulus Rappold wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten abgesetzt worden war. Eine schwere Erkrankung in den Jahren 2009 und 2010 brachte einen grundlegenden Einschnitt in sein Leben. Nach Tagen auf der Intensivstation und langen Reha-Aufenthalten im Rollstuhl entlassen, musste er mit der Hilfe eines befreundeten Sportmedizinerehepaar mühsam wieder gehen lernen. Seine letzten Lebensjahre lebte er in Linz, blieb aber mit dem Stift in reger Verbindung. Noch als 90-Jähriger gab er, selbst ehemaliger Flüchtling, einem afghanischen Ehepaar, das ihn bis zuletzt betreute, Mathematikunterricht.

Er starb in den Abendstunden des 7. Mai 2021 infolge zunehmender Herz- und Lungenbeschwerden und wurde am 14. Mai – auf eigenen Wunsch hin „wie er als Flüchtlingskind damals nach Wilhering gekommen ist, einfach und arm“ – nicht mehr wie noch sein Vorgänger Wilhelm Ratzenböck 1966 in der Äbtegruft beigesetzt, sondern auf dem Stiftsfriedhof begraben.

gge, Dez. 2015, rev. Mai 2021


Daten:

Prof.: 1950, 20. Aug. 1953; Sac.: 29. Juni 1954; Abbas: el. 23. Sep. 1965, ben. 9. Okt. 1965, res. 17. Nov. 1977.

Werke:

80 Jahre - und was nun? Das Stiftsgymnasium im Wandel. Jahresbericht Stiftsgymnasium Wilhering 1989/90 (Wilhering 1990) S. 66–71 · Bibliographie.

Literatur:

Britz, Nikolaus: Abt Gabriel Weinberger, Wien. Selbstverlag, 1973 (= Südost- und sudetendeutsche Biographien, I, Donauschwäbische Reihe, 1) · Parte

Normdaten:

GND: 128725834 · BEACON-Findbuch

Zitierempfehlung: Weinberger, Gabriel, in: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography), Version vom 10.05.2021, URL: http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Weinberger,_Gabriel

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