Rancati, Ilarione

Biographia Cisterciensis – Dictionary of Cistercian Biography online

Ilarione Rancati
Bild in der Pinacoteca Ambrosiana, Mailand

Ilarione Rancati

Hilarion Rancati

Lektor, Bibliothekar und Abt von Santa Croce in Gerusalemme; Generalprokurator; Orientalist

* 02. Sep. 1594 Mailand
† 17. April 1663 Rom

Der spätere Abt Ilarione Rancati, geboren am 2. September 1594 in Mailand und getauft auf den Namen Bartolomeo, stammte aus bürgerlichem Milieu. Seine ziemlich wohlhabenden Eltern, Baldassare Rancati und Margherita de’ Bagni, („di beni di fortuna bastevolmente agiati“, Fumagalli S. 17) konnten ihrem Sohn Hausunterricht erteilen lassen. Später, wie üblich wohl mit elf, zwölf Jahren, besuchte er das Collegio di Brera der Jesuiten in Mailand und wurde am 10. März 1610 als Mönch in der Abtei Santa Maria di Chiaravalle (Chiaravalle Milanese) eingekleidet (heute Stadtteil von Mailand). Nach dem Noviziat studierte er ab 1610 Philosophie in der Abtei Sant’Ambrogio Maggiore in Mailand, jetzt mit dem Namen Hilarion (Ilarione) und gefördert von Abt Gabriele Mazzarolo (Massarolo), der ihn 1614 an die Eliteschule des Studienkollegs der Zisterzienser in Salamanca entsandte. Seine dortigen Lehrer, besonders der Zisterzienserhistoriker und spätere Bischof Angel Manrique, führten ihn in die damals führende Theologie des goldenen Zeitalters (siglo de oro) in Spanien ein.

Als Mailänder und damit spanischer Untertan behielt Rancati zeitlebens eine spanische Gesinnung auch in politischer Hinsicht, etwa während der nationalen Rivalitäten seines Königs mit Frankreich. Die spanischen Könige förderten traditionell die Verehrung der Unbefleckten Empfängnis Mariens und forderten auch zur eigenen Stärkung eine päpstliche Bestätigung dieser Lehre, zu deren wichtigen Verfechtern Angel Manrique gehörte und dem sein Schüler Rancati folgte. Er studierte orientalische Sprachen, darunter Arabisch (Syrisch), und lernte in Salamanca den irischen und später römischen Franziskaner Luke Wadding kennen. Abt Mazzarolo berief Rancati 1618 als Lektor nach S. Ambrogio, aber aus Gesundheitsgründen schickte man ihn schon im Mai 1619 von Mailand nach Rom in die Abtei Santa Croce in Gerusalemme. Dort wurde er zunächst Lektor und blieb, mit kurzer Unterbrechung im Jahre 1635, sein ganzes Leben in Rom.

Wegen seiner Sprachkenntnisse, die Rancati in Rom bei dem maronitischen Geistlichen Victorius Scialac (Nasrallah Chalaq) verbesserte und pflegte, berief die päpstliche Kurie ihn zunächst als Mitglied einer Kommission zur Revision der maronitischen (syrischen) Liturgie bei der Ritenkongregation, deren Berater (Konsultor) er dann 1628 wurde. Papst Urban VIII. ernannte ihn 1624 zum Qualifikator der Kongregation der Inquisition, für die er am 25. November 1624 den Amtseid ablegte und bei der er 1629 zum Konsultor befördert wurde (Amtseid 25. April 1629: Quellen, Sammlung Schwedt). Im Jahre 1642 bescheinigte diese Behörde dem Abt, er habe sein Konsultorenamt stets in lobenswerter Weise ausgeübt („semper laudabiliter“: Quellen, Schwedt). Die Inquisition befasste sich etwa ab 1630 mit den „Bleiplatten von Granada“ (Laminae Granatenses) und mit deren ibero-arabischen Inschriften über politisch-religiöse Prophezeiungen und Botschaften u.a. zur Unbefleckten Empfängnis. Das politische Tauziehen endete erst nach Rancatis Tod, als der Papst den über 80 Jahre alten Fund als Fälschung erklärte. Wegen der prekären Lage der um ihre Freiheit ringenden irischen Katholiken gründete man eine päpstliche Kommissionen für England und Irland unter der Leitung des Kardinals Francesco Barberini, deren wichtiges Mitglied der Franziskaner Luke Wadding war und deren Sekretär 1639 Rancati wurde. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt, vielleicht 1626 oder 1627, berief man Rancati zudem als Mitglied der Vorbereitungskommission für die arabische Bibelübersetzung, die allerdings erst 1671 im Druck erschien.

Innerhalb des Ordens wurde Rancati 1626 Abt von S. Croce (bis 1635, erneut 1641–1645 und 1659) und gründete nach dem Beispiel der hohen Schule in Salamanca in Rom das Studienkolleg, das 1635 bestätigt wurde. Gleichzeitig geriet Rancati durch sein Leitungsamt in die große und kleine Politik der nationalen Rivalitäten und der Reformkonflikte im Zisterzienserorden („gemeine“ und streng fastende oder „abstinente“ Obödienz; „Streit der Observanzen“). Die politischen Fäden liefen für Frankreich meist in der Person des Kardinals Armand-Jean du Plessis de Richelieu († 1642) zusammen. Dieser wurde im November 1635 Kommendatarabt von Cîteaux, mit politischen Folgen auch für Rancati. Dieser, seit 1635 Abt von S. Ambrogio in Mailand und am 6. Mai 1635 vom Abt von Cîteaux, Pierre Nivelle, zum Generalprokurator des Ordens ernannt, wurde im Januar 1636 aus seiner Heimatstadt Mailand vertrieben, als der spanische Gouverneur der Lombardei Rancati als Generalprokurator des französisch und von Richelieu dominierten Ordens des Landes verwies. Diese Ausbürgerung wurde formal abgefedert, indem der Heilige Stuhl den Abt nach Rom berief. Als Generalprokurator blieb Rancati bis 1651 im Amt.

Angesichts Racanatis hohem Ansehen unter Urban VIII. sprach man von seinem baldigen Kardinalat, aber der Papst strich den Namen angeblich 1643 vor seinem letzten Konsistorium („cancellato“). Angelo Fumagalli, der dieses 1762 berichtet (Seite 92), verweist als Erklärung auf Krankheiten wie Gicht und Hypochondrie, sodass Rancati häufig nur bettlägerig arbeiten und diktieren konnte. Dabei half ihm sein Schüler, der spätere Abt Franco Ferrari († 1711), der mit Erlaubnis der Inquisition auch deren geheime Unterlagen für Rancati bearbeiten durfte. Zu einem unbekannten Zeitpunkt ernannte der Papst Rancati auch zum Konsultor der Indexkongregation, trotz der gesundheitlich bedingten Einschränkungen.

Im Jahre 1651 berief Papst Innozenz X. Rancati zum Mitglied einer Kommission, um die Verurteilung von fünf jansenistischen Sätzen („Quinque propositiones“) vorzubereiten, die auf die Gnadenlehre des Bischofs Cornelius Jansen zurückgingen. Schon 1649 hatte Rancati die Inquisition gewarnt und vorgeschlagen, die damals strittigen Sätze frei diskutieren zu lassen und nicht zu verurteilen, um bei der unklaren Sachlage die Autorität des Heiligen Stuhles nicht zu belasten („Sedis Apostolici auctoritas in hoc negotio plane adhuc immaturo ne oppigneretur“: Pastor S. 184; Thanner S. 540). Die antijansenistische Fraktion wollte jedoch keine freie Diskussion und belastete die päpstliche Autorität noch 150 Jahre lang durch immer neue Verurteilungen, zunächst angeführt von der Inquisitionskongregation. Deren Asssessor Francesco Albizzi redigierte den antijansenistischen Kommissionsbericht (ab 1651), wonach Rancati etwa am 24. September 1652 aus gesundheitlichen Gründen fehlte („ob eius infirmitatem“, Schill S. 299) und im November 1652 ausschied (Schill S. 366).

Rancati musste sich in dieser Kommission wegen der antijansenistischen Leitung durch Kardinal Bernardino Spada und den Sekretär Albizzi sehr unwohl fühlen. Die Machenschaften Albizzis („intrigue“) verdrängten die Kommissionsmitglieder Luke Wadding („contraint de s’absenter des assemblées“) und Rancati, der auf Anordnung des Kardinals den Sitzungen fernblieb („un ordre de M. le card. Spada de ne se plus trouver aux congrégations“, Journal S. 74). So berichtete ein Beobachter der römischen Verhandlungen, der Jansenist Louis de Saint-Amour († 1687), für den Rancati zur strittigen Gnadenlehre „wohlgesinnte“ Ansichten hatte („il avoit de fort biens sentimens touchant la grace“, Journal S. 114). Ahnlich positiv urteilten viele Jansenisten oft über ihre Sympathisanten, auch und gerade die Zisterzienser wie etwa Kardinal Giovanni Bona. Eine solche wirkliche oder angebliche Gesinnungsnähe zu den von den Päpsten bekämpften katholischen Jansenisten konnte Rancati in Rom kompromittieren, und Fumagallis Buch müht sich folglich seitenlang um den Nachweis, der Abt von S. Croce habe mit dem Jansenismus nichts gemein gehabt.

Rancati wurde in Rom ein erfolgreicher Verkünder der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, wie er dies in Salamanca von seinem Lehrer Angel Manrique gelernt hatte. Papst Alexander VII., der ebenfalls diese Lehre förderte, erließ dazu die historisch bedeutende Bulle Sollicitudo omnium Ecclesiarum (8. Dezember 1661). Rancati hatte an deren Entstehen erheblichen Anteil, sie galt als sein Werk („opera“, Fumagalli S. 137). Alexander VII. wollte Rancati angeblich zum Kardinal ernennen (Besozzi S. 219). Entsprechend der jahrhundertlangen Politik der spanischen Monarchie, die eine päpstliche Anerkennung der Lehre der Unbefleckten Empfängnis Mariens erreichen wollte, stellte König Philipp IV. von Spanien aus der Staatsrendite des Königreiches Neapel achttausend Dukaten zur Verfügung, um Rancatis Kosten und Bemühungen in dieser Sache zu unterstützen (ebd.).

Die Bedeutung der schriftstellerischen Arbeiten und Büchersammlungen Rancatis wird durch neuere Forscher wie Franca Trasselli unter Beweis gestellt. Rancati hinterließ der Bibliothek von S. Croce hunderte alte Handschriften. Seine eigenen Werke und Papiere, ohne die Briefe, umfassten in S. Ambrogio um 1750 fast 200 Nummern, damals bündelweise in 37 Sammelbänden geordnet (Argelati, Fumagalli, Trasselli). Heute zählt der elektronische Katalog von S. Ambrogio etwa 220 handschriftliche Werke und kleinere Schriftstücke Rancatis in Mailand auf, ohne die fast dreihundert Briefe.

Einige Dutzend Arbeiten Rancatis betreffen den Jansenismus oder die Mariologie, besonders die Unbefleckte Empfängnis. Außer zu diesen damals aktuellen Lehrfragen schrieb Rancati über bestimmte Bücher von Zeitgenossen in Form von Gutachten, darunter eine Zensur zur Lebensbeschreibung des Servitenmönches Paolo Sarpi in Venedig mit dessen Papstkritik oder zum vielbändigen Geschichtswerk Annales des Dominikaners Abraham Bzovius. Hierzu zählen auch die Zensuren zu den Schriften des Jesuiten Théophile Raynaud, der das römische Verbot seiner Werke nicht einfach hinnahm, sondern dagegen offen auftrat und sogar publizierte. Von den Zisterzienserautoren begutachtete Rancati die Theologia fundamentalis des späteren Bischofs Juan Caramuel Lobkowitz, die auf sein Verlangen hin mehrfach verändert wurde (vgl. Fumagalli S. 29). Noch ist nicht genügend belegt, für wen und in wessen Auftrag diese Zensurgutachten erstellt wurden.

Sehr viele Werke Rancatis betreffen die Klosterfragen und Ordensgeschichte, meist der Zisterzienser, einige auch die Kamaldulenser (deren Visitator Rancati 1627 war). Neben grundsätzlichen Abhandlungen, etwa zum Armutsgelübde der Zisterziensermönche und zur Ordensreform, schrieb Rancati über einzelne Generalkapitel (mit Unterlagensammlungen) und verschiedene Klöster (Dokumentation, Abtslisten usw.).

Für seinen Nachfolger in der Bibliothek von Santa Croce, seinen Schüler Franco Ferrari, erreichte Rancati eine Garantie durch ein päpstliches Breve (25. Januar 1632). Damit man Ferrari nicht versetzen könne („ut … moderatoribus nefas esset Ferrarium ab eo munere removere“, Argelati S. 604), schränkte das Breve die Verfügungsgewalt des Abtes ein, was offenbar in der Befürchtung geschah, unter einer künftigen Klosterleitung könne die Bibliothek Schaden nehmen. Dadurch mussten Reibungen und gar Konflikte entstehen, die im Einzelnen zu untersuchen wären. Die heute in Mailand, S. Ambrogio, aufbewahrten Briefe und Handschriften Rancatis wird sein Schüler Franco Ferrari dorthin verbracht haben. Die meisten der übrigen Stücke aus seinem Besitz befinden sich heute in Rom, auch in der Biblioteca Nazionale Centrale (Trasselli).

Rancati starb am 17. April 1663 in Rom. Der durch seine Schriften bekannte portugiesische und in Italien lebende Franziskaner Francisco Macedo hielt die Totenrede, die im gleichen Jahr gedruckt wurde.

Herman H. Schwedt


Ungedruckte Quellen:

Für Handschriften und Nachlass vgl. Trasselli · Sammlung H. H. Schwedt, Limburg, zur röm. Inquisition, Mitarbeiterdaten mit Quellen aus Archivio Congregazione per la Dottrina della Fede (ACDF), SO Extensorum 1620–1624, StSt Q 1–c, Bl. 220v [Qualifikator 1624], und ACDF SO Juramenta 1575–1655, Bl. 372; ACDF SO StSt LL–5–L o.Bl. [Konsultor 1629]; ACDF SO Extensorum 1641–1644, StSt D 1–h, Bl. 80v [Bescheinigung 1642]; StSt G 2–c “De Divinis Auxiliis”, Bl. 94–98v [Gutachten Rancatis, 31. Oktober 1649].

Literatur:

siehe Literaturliste.

Normdaten:

GND: 102309892 · BEACON-Findbuch · CERL: cnp00277517

Zitierempfehlung: Rancati, Ilarione, in: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography), Version vom 10.6.2014, URL: http://www.biocist.org/wiki/Rancati,_Ilarione